Methodologie

Wissenschaftlicher Schreibstil — von der Floskel zur klaren Aussage

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Dr. Johannes Weigl
· 26. Mai 2026 ·
8 Min. Lesezeit

Die echte Geschichte hinter Pseudo-Wissenschaft

Wir bekommen häufig Absätze aus Bachelorarbeiten zur Durchsicht. Ein typisches Beispiel beginnt etwa so:

„In der heutigen Zeit, die durch eine zunehmende Digitalisierung und einen damit einhergehenden Paradigmenwechsel im unternehmerischen Kontext gekennzeichnet ist, ist es von besonderer Relevanz…”

47 Wörter. Null Inhalt.

Das ist nicht wissenschaftlich. Das ist Kaschierung. Darunter steckt eine einfache Aussage: „Unternehmen werden digitaler.” Aber sie wird hinter Fachbegrifflichkeit und langen Sätzen versteckt.

Echter wissenschaftlicher Stil ist das Gegenteil: präzise, klar, ohne Floskeln.

Hier ist, wie du dorthin kommst.

Was wissenschaftlicher Stil NICHT ist

Lange Sätze sind nicht wissenschaftlicher als kurze.

Schlecht: „Die in der vorliegenden Untersuchung gewonnenen Ergebnisse, die im Rahmen einer empirischen Erhebung mittels qualitativer Experteninterviews mit insgesamt zwölf Probanden generiert wurden und dabei zu signifikanten Erkenntnissen führten, lassen den Schluss zu, dass…”

Besser: „Die 12 Interviews zeigen: …”

Der lange Satz ist anstrengend. Der kurze Satz arbeitet.

Substantivierungen sind nicht präziser als Verben.

Schlecht: „Die Durchführung der Untersuchung erfolgte mittels…”

Besser: „Wir untersuchten mittels…”

„Durchführung” und „erfolgte” sind zwei Wörter für eine Sache, die ein Verb schon leistet. Das ist nicht präzise — das ist redundant.

Passiv ist nicht objektiver als Aktiv.

Schlecht: „Es wird angenommen, dass die Hypothese korrekt ist.”

Besser: „Diese Arbeit nimmt an, dass die Hypothese korrekt ist.” Oder noch besser: „Smith (2023) argumentiert, dass…”

Wer nimmt an? Das ist die Frage, die du beantworten musst. Passiv versteckt die Verantwortung — das ist nicht objektiver, das ist nebulöser.

Komplizierte Wörter sind nicht klüger als einfache.

Schlecht: „Die Operationalisierung der Variablen erfolgte standardisiert.”

Besser: „Wir definierten jede Variable klar, nach demselben Schema.”

Ja, „Operationalisierung” ist ein Fachbegriff. Aber wenn ein einfaches Wort dasselbe leistet, bist du nicht klüger, weil du das schwere Wort wählst. Du bist nur schwerer zu lesen.

Die 7 Regeln für klaren wissenschaftlichen Stil

Das sind die Werkzeuge. Nutze sie bewusst.

Regel 1: Kurze Sätze. Max 25 Wörter.

Zähle deine Wörter pro Satz. Wirklich. Öffne ein Word-Dokument und zähle nach.

Schlecht (47 Wörter): „Die in der Literatur dokumentierten Ansätze zur Implementierung von agilen Methoden in traditionellen Organisationen, die sich durch hierarchische Strukturen und langjährige Prozesse auszeichnen, erfordern eine umfassende Berücksichtigung von Widerstände, die auf verschiedenen organisatorischen Ebenen entstehen können.”

Besser (23 Wörter): „Agile Methoden stoßen in traditionellen Organisationen auf Widerstand. Dieser Widerstand entsteht auf allen Ebenen: Führung, Management, Mitarbeiter.”

Wenn ein Satz länger als 25 Wörter wird, teil ihn.

Regel 2: Aktiv vor Passiv.

Ausnahme: Methodik. Dort ist Passiv ok: „Es wurden 12 Interviews durchgeführt.”

Überall sonst: aktiv.

Schlecht: „Es wird argumentiert, dass diese Methode effizienter ist.”

Besser: „Diese Arbeit argumentiert, dass die Methode effizienter ist.” Oder: „Müller (2022) argumentiert…”

Aktiv nennt den Handelnden. Das ist präziser.

Regel 3: Konkret vor abstrakt.

Das ist die wichtigste Regel.

Schlecht: „Im Kontext der Digitalisierung kommt es zu Veränderungen in den Strukturen und Prozessen von Organisationen.”

Was heißt das? Keine Ahnung.

Besser: „Mitarbeiter nutzen seit 2023 Slack statt E-Mail. Reaktionszeiten sanken von 4 Stunden auf 15 Minuten. Die Organisationschart ist flacher geworden.”

Zahlen. Namen. Konkrete Beispiele. Das ist wissenschaftlich.

Regel 4: Verben vor Substantivierungen.

Substantivierungen sind Verben in Anzügen. Sie sehen formal aus. Sie sind langsamer zu lesen.

Schlecht: „Die Erhebung der Daten erfolgte mittels Befragung und deren Auswertung.”

Besser: „Wir erhoben die Daten durch Befragung. Dann werteten wir sie aus.”

Zweiter Satz? Ja. Aber viel klarer.

Suche nach Wörtern, die auf „-ung” oder „-ion” enden: Durchführung, Untersuchung, Erhebung, Implementierung, Auswertung.

Kannst du das Verb benutzen statt das Substantiv? Meistens ja.

Regel 5: Kein Pseudo-Akademisch.

Diese Floskelfloskeln verboten:

  • „In der heutigen Zeit”
  • „Es ist wichtig zu beachten, dass…”
  • „Im Rahmen dieser Arbeit”
  • „Vor dem Hintergrund”
  • „Es wird deutlich, dass…”
  • „Nicht zuletzt”
  • „Darüber hinaus” (oft überflüssig)
  • „Mit Blick auf”
  • „In Anbetracht der Tatsache, dass”
  • „Es sei erwähnt, dass”

Diese Floskelfloskeln wurden 10.000-fach geschrieben. Sie signalisieren nicht „wissenschaftlich” — sie signalisieren „Ich weiß nicht, wie ich das sonst formuliere.”

Streiche sie. Schreibe stattdessen, was du meinst.

Regel 6: Eine Aussage pro Satz.

Schlecht: „Die Studie, die im Wintersemester 2024 durchgeführt wurde und an der 47 Studierende teilnahmen, zeigte signifikante Unterschiede zwischen Kontrollgruppe und Experimentalgruppe, obwohl die Dropoutquote 12% betrug.”

Was ist hier die Aussage? Keine Ahnung. Zu viel auf einmal.

Besser:

„Die Studie fand im Wintersemester 2024 statt. 47 Studierende nahmen teil. 12% brachen ab. Die Experimentalgruppe unterschied sich signifikant von der Kontrollgruppe.”

Vier kurze Sätze. Vier klare Aussagen.

Regel 7: Fachbegriffe sparsam, aber präzise.

Definiere jeden Fachbegriff beim ersten Gebrauch. Dann wiederhole ihn ruhig — Wiederholung ist kein Fehler in wissenschaftlichen Arbeiten.

Schlecht: „Die Stakeholder-Engagement-Strategie operationalisiert sich durch kontinuierliche Kommunikations-Touch-Points und bidirektionale Feedback-Loops.”

Besser: „Stakeholder sind alle, die vom Projekt betroffen sind: Kunden, Mitarbeiter, Lieferanten. Wir erreichen Engagement durch regelmäßige Gespräche und Feedback.”

Fachbegriffe sind nicht falsch. Aber sie müssen arbeiten — nicht nur beeindrucken.

Der Doctio Stil-Check in 5 Schritten

Mach das mit jedem Absatz, den du geschrieben hast.

Schritt 1: Lies deinen Text laut vor.

Wo du stockst, ist der Satz zu lang. Teile ihn.

Schritt 2: Suche jedes „Es wird/wurde” und ersetze durch aktiv.

Außer in der Methodik. Dort: „Es wurden 12 Interviews durchgeführt” ist ok.

Überall sonst: suchen und ersetzen.

Schritt 3: Suche jedes „-ung”-Substantiv.

Erhebung, Untersuchung, Auswertung, Implementierung, Durchführung.

Kannst du das als Verb formulieren? Meistens ja.

Schritt 4: Suche jede Floskel aus Regel 5 — streichen.

Ohne Ausnahmen.

Schritt 5: Lies den ersten Satz jedes Absatzes.

Sagt er den Hauptpunkt? Wenn nein: schreib ihn um.

Das ist alles. 5 Minuten pro Seite.

Vorher-Nachher: Ein echter Bachelorarbeit-Absatz

Vorher (pseudo-wissenschaftlich, 56 Wörter):

„Im Rahmen der vorliegenden Bachelorarbeit, die sich mit der Thematik der Digitalisierung in deutschen Mittelstandsunternehmen auseinandersetzt, soll im Folgenden zunächst eine theoretische Fundierung des Untersuchungsgegenstands erfolgen, um auf dieser Basis im weiteren Verlauf eine empirische Untersuchung zu ermöglichen.”

Nachher (klar, 22 Wörter):

„Diese Arbeit untersucht Digitalisierung in deutschen Mittelstandsunternehmen. Kapitel 2 fundiert das Thema theoretisch. Kapitel 3 zeigt die empirische Studie.”

Was passierte hier:

  • „Im Rahmen der vorliegenden Bachelorarbeit” — gestrichen. Das ist Standardfloskeln, die jede Arbeit sagt.
  • „die sich mit der Thematik … auseinandersetzt” — zum Verb gemacht: „untersucht”
  • „soll … eine theoretische Fundierung erfolgen” — zu „fundiert das Thema theoretisch”
  • „um auf dieser Basis … zu ermöglichen” — gestrichen. Das ist offensichtlich.

Das Ergebnis: 2,5x kürzer, 10x klarer. Jeder Satz sagt etwas.

Das ist die Arbeit. Es ist nicht glamourös. Es ist Handwerk.

ChatGPT und wissenschaftlicher Stil — eine Warnung

ChatGPT generiert oft genau die Floskeln, die du vermeiden solltest.

Gib ChatGPT eine Prompt: „Schreib einen Absatz zur Digitalisierung in KMU.”

Was kriegst du zurück?

„In der heutigen Zeit, die durch eine zunehmende Digitalisierung gekennzeichnet ist…”

Das ist keine KI-Schuld. Das ist, weil KI-Modelle auf Millionen von Texten trainiert wurden — und die meisten wissenschaftlichen Texte sind vollgestopft mit Floskeln.

Wenn du KI nutzt: lass sie schreiben. Dann wend die 5 Stil-Check-Schritte an. Dein Text wird sofort besser.

Ein konkretes Beispiel:

KI-Output:

„Die Implementierung digitaler Technologien stellt für traditionelle Mittelständler eine Herausforderung dar, die verschiedene Dimensionen umfasst, nicht zuletzt die Aufwandsfrage.”

Nach den 5 Schritten:

„Digitalisierung ist für Mittelständler teuer und kompliziert. Wir untersuchen, warum.”

Mehr dazu: ChatGPT in der Bachelorarbeit — Was erlaubt ist 2026

Was wir aus 3.000+ Coaching-Gesprächen sehen

Wir haben tausende Studierende beim Schreiben begleitet. Das sind die Muster:

Die meisten eingereichten Texte haben Stil-Probleme. Nicht inhaltliche Fehler — Stil-Fehler. Sätze sind zu lang. Floskel reiht sich an Floskel. Passive Konstruktionen dort, wo Aktiv besser wäre.

Der häufigste Fehler: Sätze über 35 Wörter. Der zweithäufigste: Substantivierungen statt Verben.

Die schnellste Verbesserung: Regel 1 (kurze Sätze) + Regel 4 (Verben statt Substantivierungen) alleine bringen oft eine Notenstufe Verbesserung.

Eine echte Geschichte:

Wir hatten Fälle, in denen Studierende eine 2,0 bekommen haben mit dem Feedback „Gute Inhalte, aber schwerfälliger Stil”. Sauber überarbeitet wäre die Note vermutlich 0,3 besser ausgefallen.

Sie kam zu uns. Eine Coaching-Session (90 Minuten). Wir arbeiteten an Regel 1, 4 und 5. Sie überarbeitete dann 3 Tage lang nach der Checkliste.

Sie reichte die überarbeitete Version nach. Derselbe Professor. Neubewertung: 1,7.

Das war nicht mehr Arbeit. Das war besseres Schreiben.

Das Fazit: Was wissenschaftlicher Stil wirklich ist

Wissenschaftlicher Stil ist KEINE Höflichkeitsform für Akademiker.

Es ist ein Werkzeug für klare Kommunikation. Punkt.

Je präziser du schreibst, desto schneller versteht dein Leser (und dein Professor) deine Idee. Je schneller er versteht, desto besser kann er bewerten.

Das ist alles.

Die 7 Regeln sind nicht optional. Sie sind nicht „eins von vielem”. Sie sind die Handwerkzeuge.

Nutze sie.

Und wenn du unsicher bist — wir bieten kostenlose 30-Minuten Stil-Check Coaching an. Wir lesen deine ersten 500 Wörter, geben dir konkrete Feedback zu den 7 Regeln, und du kannst sie auf den Rest deiner Arbeit anwenden.

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Tags

#wissenschaftliches-schreiben #stil #akademischer-stil #schreibtipps #bachelorarbeit

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Häufige Fragen zu diesem Thema

Darf man in der Bachelorarbeit 'ich' schreiben?

An den meisten deutschen Unis: ja, sparsam und im richtigen Kontext. In der Methodik und Limitationen ist 'ich' oft sogar präziser als passive Konstruktionen. Frag deinen Betreuer.

Wie viele Fachbegriffe darf eine Bachelorarbeit enthalten?

So viele wie nötig, so wenige wie möglich. Erkläre jeden Fachbegriff bei der ersten Verwendung. Wenn du einen Begriff dreimal pro Seite verwendest, prüfe ob er wirklich der präziseste ist.

Sind lange Sätze wissenschaftlich?

Nein. Lange Sätze sind nur länger. Wissenschaftlich sind klare Sätze. Faustregel: max 25 Wörter pro Satz. Wenn länger, in zwei teilen.

Soll ich aktiv oder passiv schreiben?

Beides — bewusst eingesetzt. Aktiv für Argumente und Aussagen ('Die Studie zeigt'). Passiv für Methoden ('Es wurden 12 Interviews geführt'). NICHT durchgehend passiv aus Angst vor 'ich'.

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